Kann ich als Vegane/r Ernährungsberater/in mit der Krankenkasse abrechnen?

Ja, es gibt Möglichkeiten, Gelder von den gesetzlichen Krankenkassen zu bekommen, die Hürden sind allerdings immens und die Wirtschaftlichkeit für den Berater höchst fraglich. Die Begründung ist einfach: Die Ernährungsberatung hat im GKV-System noch keinen festen Platz, was bereits daraus ersichtlich wird, dass der Begriff „Ernährungsberatung“ an keiner Stelle richtig definiert ist.

Es gibt derzeit (Stand 04/2019) vier Möglichkeiten zur Übernahme von Kosten von Ernährungsberatung und -therapie im deutschen Gesundheitssystem. Da wir uns mit diesen Möglichkeiten nicht zufriedengeben wollten, konnten wir eine fünfte ins Leben rufen.

Möglichkeit 1: In der Prävention nach § 20 SGB V

Dass die Ernährung eine zentrale Rolle sowohl für den Erhalt der Gesundheit als auch bei der Entstehung bestimmter Erkrankungen spielt, ist den Krankenkassen bekannt. Trotzdem sind der Großteil der Leistungen hinsichtlich der Ernährungsberatung freiwillige Leistungen seitens der Kassen. Hinzukommt, dass gerade einmal 0,9 %-Anteil an den gesamten Leistungsausgaben auf den Bereich Prävention und Selbsthilfe fällt, innerhalb der die Ernährungsberatung nur ein Teil ausmacht. Das sind pro Versichertem im Jahr durchschnittlich gerade einmal 24,39 € (siehe Tabelle 1).

 

Leistungsbereich Anteil an den gesamten Leistungsausgaben in % Betrag in Euro Betrag pro Versichertem in Euro ca.
Krankenhaus 35,0 67,9 Mrd. 888,64
Arzneimittel 17,2 33,4 Mrd. 432,00
ambulante ärztliche Behandlung 17,3 33,4 Mrd. 405,26
zahnärztliche Versorgung inkl. Zahnersatz 6,7 13,0 Mrd. 168,55
Heil- und Hilfsmittel 6,8 13,1 Mrd. 164,35
Prävention und Selbsthilfe 0,9 1,8 Mrd. 24,39

Tabelle 1: Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für bestimmte Leistungsbereiche (VDD, 2016)

Der Leitfaden Prävention des GKV-Spitzenverbandes ermöglicht es Anbietern, sich im Handlungsfeld Ernährung Präventionsangebote mit zwei unterschiedlichen Präventionsprinzipien zertifizieren zu lassen: Vermeidung von Mangel- und Fehlernährung sowie Vermeidung und Reduktion von Übergewicht. Die Zertifizierung regelt seit einigen Jahren nicht mehr die Krankenkasse selbst, sondern die Zentrale Prüfstelle Prävention.

Anbieter im Bereich Ernährung müssen aktuell folgende Qualifikationen mitbringen bzw. nachweisen:

"Zur Durchführung entsprechender Maßnahmen kommen Fachkräfte mit einem staatlich anerkannten Berufs- oder Studienabschluss im Bereich Ernährung in Betracht, insbesondere:

  • Diätassistent/in
  • Ökotrophologin/Ökotrophologe (ernährungswissenschaftliche Ausrichtung; Abschlüsse: Diplom, Master, Bachelor)
  • Ernährungswissenschaftler/in (Abschlüsse: Diplom, Master, Bachelor)
  • Ernährungs- und Hygienetechnik, Schwerpunkt „Ernährungstechnik“, Ernährung und Versorgungsmanagement, Schwerpunkt „Ernährung“ (Abschlüsse: Dipl.-Ing., Master, Bachelor)

mit themenbezogener Zusatzqualifikation gemäß z. B. den Qualitätsstandards der Ernährungsberatung einer anerkannten Institution im Handlungsfeld sowie

  • Ärztin/Arzt mit Fortbildungsnachweis gemäß dem Curriculum Ernährungsmedizin der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin."

Als Vegane/r Ernährungsberater/in ohne weitere oben genannte Zusatzqualifikationen wird man also keine durch die Krankenkasse bezuschussten Präventionskurse nach § 20 SGB V anbieten können.

Beachten sollte man dabei aber, dass diese Leistungen von den Krankenkassen nicht verpflichtend sind und in der Regel pro Kurs nur zwischen 75 und 100 € bezuschusst werden (Krankenkassen.de). Hinzukommt, dass diese Bezuschussung für alle Präventionskurse gilt, d. h. Mitglieder stehen hier häufig vor der Entscheidung, ob sie lieber einen Yoga-Kurs zur Entspannung oder einen Kurs in Sachen Ernährung machen möchten. Eine langfristige Begleitung des Kunden und damit ein erfolgreiches und nachhaltiges Coaching ist hiermit aus unserer Sicht nicht gewährleistet, zumal es sich bei diesen Angeboten um Gruppen- bzw. Kursangebote und nicht um Einzelberatungen handelt.

Hinzu kommt, dass die Krankenkassen die Höhe der Bezuschussung jährlich anpassen können. Aus unserer Sicht mag dieser Bereich ein Standbein für einen Ernährungsberater sein, aber sicherlich kein festes und alleiniges, um sich erfolgreich am Markt zu etablieren.

Möglichkeit 2: Als Patientenschulung nach § 43 SGB V

Neben § 20 hält das Sozialgesetzbuch V noch einen weiteren Paragraphen bereit, nachdem die gesetzlichen Krankenkassen Kosten für eine Ernährungsberatung erstatten können. Auch hier handelt es sich – wie bei § 20 SGB V – um eine freiwillige Leistung der Krankenkassen. Ein Patient hat keinen Anspruch auf eine solche Leistung, es wird immer im Einzelfall entschieden.

Anders als im § 20, werden in § 43 SGB V keine Berufsgruppen (Anbieterqualifikationen) geregelt, die Patientenschulungen durchführen können. Patientenschulungen bedürfen dabei nicht per se einer Befähigung zur Heilkunde, d. h. als Vegane/r Ernährungsberater/in wäre es prinzipiell möglich, solche Patientenschulungen durchzuführen.

Hier bietet sich für Vegane Ernährungsberater/innen insofern eine Möglichkeit, dass sie mit einem Arzt oder einer Ärztin kooperieren und gemeinsam ein standardisiertes Verfahren entwickeln, um die Kosten – und mögliche Ablehnungen seitens der Krankenkassen – so gering wie möglich zu halten.

Möglichkeit 3: Im Rahmen einer ärztlichen Notwendigkeitsbescheinigung

Ärzte haben die Möglichkeit, das Aufsuchen einer Ernährungsberatung/-therapie zu empfehlen, jedoch nicht zu verordnen (siehe Möglichkeit 4)! Beispielsweise bei einer Tendenz zum Übergewicht oder beim Vorliegen einer Laktoseintoleranz.

Ob die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden, entscheidet diese nach der Beantragung des Kunden/Patienten oder des Leistungserbringern, also des Ernährungsberaters (wieder einmal) im eigenen Ermessen.

Auch hier bietet sich wie bei Möglichkeit 2 eine Kooperation mit Ärzten an. Tatsächlich sehen wir hier die größte Möglichkeit einer langfristigen Zusammenarbeit, da Krankenkassen eine solche Empfehlung in der Regel akzeptieren und zumindest anteilig übernehmen.

Selbst wenn die jeweilige Krankenkasse den Einzelfall ablehnt, besteht die Möglichkeit, dass Kunden auf Empfehlung des Arztes die Ernährungsberatung aus eigener Tasche bezahlen. Laut Steinbach (2006) gaben 47 von 100 Personen an, dass sie auch von sich aus eine Ernährungsberatung aufsuchen würden.

Möglichkeit 4: Als Heilmittel

Um den geringen Stellenwert der Ernährungsberatung im GKV-System zu verdeutlichen, hole ich an dieser Stelle etwas weiter aus.

Im Bereich der Ernährungsberatung gehört nur der Beruf des Diätassistenten zu den gesetzlich geregelten Heilberufen. Zu diesen gehören auch Physiotherapeuten, Logopäden oder Ergotherapeuten. Sie werden umgangssprachlich Heilmittelerbringer genannt und geben die Heilmittel Physiotherapie, Logopädie oder Ergotherapie auf Verordnung des Arztes als Sachleistung an den Versicherten ab.

Der Clou an der Sache: Bis 2018 waren Diätassistenten Heilmittelerbringer ohne zugelassenes Heilmittel, da Ernährungsberatung bzw. -therapie nicht von Ärzten verordnet werden konnte (nur empfohlen!). Erst seit dem 01.01.2018 gibt es zugelassene Heilmittel für zwei Indikationen im Bereich der Ernährung: Mukoviszidose und seltene angeborene Stoffwechselerkrankungen.

Um es anders auszudrücken: Erst seit 2018 gibt es bei zwei Indikationen die Möglichkeit, dass ein Arzt oder eine Ärztin, eine Ernährungstherapie verordnen kann, die dann durch einen Diätassistenten als Heilmittelerbringer durchgeführt wird. Und nur hierbei sind die Krankenkassen dazu verpflichtet zu zahlen. Die Möglichkeiten 1-3 sind – auch für den Fall, dass ich mich wiederhole – freiwillige Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen.

Möglichkeit 5: BKK ProVita

Da uns die o. g. Möglichkeiten als unzureichend erschienen, konnten wir seit 01.01.2019 eine Kooperation mit der „veggiefreundlichen“ Krankenkasse BKK ProVita eingehen.

Mitglieder der BKK ProVita können unser Fernstudium „Vegane/r Ernährungsberater/in“ über das Bonusprogramm bezuschussen lassen und sich einen Teil der Studiengebühren zurückholen. Ebenso können Mitglieder Beratungen, Kurse oder Seminare im Bereich der Ernährung über das selbe Bonusprogramm bezuschussen lassen.

Genauere Informationen hierzu erhältst du von der BKK ProVita selbst.

Fazit und Handlungsempfehlung

Die Frage sollte also nicht lauten „Kann ich als Vegane/r Ernährungsberater/in mit der Krankenkasse abrechnen?“, sondern ergibt der ganze Aufwand in Anbetracht des aktuellen GKV-Systems in Deutschland überhaupt Sinn?

Abgesehen von Möglichkeit 4 – und hier auch nur bei Mukoviszidose und seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankungen – sind alle Leistungen der Krankenkassen freiwillig.

Selbst die Kooperation mit der BKK ProVita muss nicht für immer gelten. Sich ein Business im Bereich der Veganen Ernährungsberatung aufzubauen, dass so immens von Dritten beeinflusst werden kann, ist aus unserer Sicht wirtschaftlicher Non-Sense und kann nicht im Sinne des (zukünftigen) Unternehmers sein.

Die Gesundheitsausgaben privater Haushalte sind seit Jahren steigend: Waren es 1992 noch 18.439 Mio. € bzw. 229 € pro Kopf, sind es 2017 bereits 50.801 Mio. € bzw. 615 € pro Kopf gewesen, also nahezu eine Verdreifachung in nicht einmal 20 Jahren (Statistisches Bundesamt). Darüber hinaus zeigen ausgebuchte Yogakurse, überfüllte Thermen und etliche Angebote für Wellness-Wochenenden ganz deutlich, dass die Deutschen bereit sind, auch privat in ihre Gesundheit und das Wohlbefinden zu investieren – ganz unabhängig von gesetzlichen Leistungen.

Quellen und weiterführende Literatur

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